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Unsere Vertreter für die Stadt Linden: Magistrat Petra Braun - Fraktion Marc Bausch, Joachim Schaffer, Hartmut Schau

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Aktuelles der FWG

Aus nach 100 Jahren

Gießener Anzeiger, 28. Juli 2026

Trachtengruppe löst sich auf

Aus nach über 100 Jahren – Nachwuchs bleibt aus, Corona stoppt Tanzbetrieb endgültig

Linden – Zehn der aktuell 18 Mitglieder der Oberhessischen Volkstanz- und Trachtengruppe Leihgestern waren zur Jahreshauptversammlung im Landgasthof „Zum Löwen – beim Philipp“ erschienen, um einstimmig die Auflösung des Vereins zu beschließen.

Die Trachtengruppe wurde ursprünglich bereits 1922 gegründet, 1967 nach einem „Dornröschenschlaf“ neu belebt und seit fast auf den Tag genau19 Jahren als eigenständiger Verein geführt.

Der Beschluss zur Auflösung fiel aus,und weil es sich um keinen eingetragenen Verein handelt, dürfte nun auch die Abwicklung rasch vonstattengehen, wie der stellvertretende Vorsitzende Gernot Rödl den Mitgliedern erläuterte.

Die Geschichte der Trachtengruppe ist eng mit dem Landgasthof „Zum Löwen – beim Philipp“ verbunden, fand doch hier am 15. April 1967 die Neugründung einer „Schüler-Volkstanzgruppe“ durch Erich „Boy“ Faber statt. Das 100-jährige Bestehen wurde – in Verbindung mit 55 Jahre Neugründung – noch vor vier Jahren an gleicher Stätte mit einer kleinen Matinee gefeiert.

Auftritt im „Blauen Bock“

Doch bereits damals schwebte das Damoklesschwert über dem Verein: Die aktiven Tänzerinnen und Tänzer sowie Tanzpaare waren in die Jahre gekommen und von Nachwuchs keine Spur.

Somit endet die Geschichte einer der ältesten Brauchtumsgruppen in Hessen, deren Wurzeln bis ins Jahr1922 zurückreichen, als der Heimatdichter Georg Heß eine erste organisierte Trachtengruppe zusammenstellte, die sich mit Volkstanz, Mundart und Heimatpflege beschäftigte.

Ein Höhepunkt war 1957 der Auftritt in der Fernsehsendung „Zum Blauen Bock“ in Frankfurt. Es folgte das vorläufige Ende zu Beginn der 60er Jahre. 1967 kam dann die Neugründung durch den „Boy“. Da jedoch Trachten 1967 nicht vorhanden waren, traten die Mädchen in ihren Dirndl-Kleidern und die Jungen in Kniebundhosen mit Stramin-Hosenträgern auf.

Eine „Quetschkommode“ lieh sich der „Boy“ bei seinem Freund Kurt Weller, somit war auch die Musikbegleitung gesichert. Wie so oft, wenn etwas nicht vorgesehen ist, wird dies ein Riesenerfolg und die Schülergruppe (Durchschnittsalter zehn bis elf Jahre) wird aus der Taufe gehoben.

Seit der Neugründung ist die Trachtengruppe auch Mitglied der HVT. Nach dem ersten Auftritt 1967 begannen dann die Kinder, das Tanzen zu lernen. Die Auftritte liefen stets so ab, dass sich Volkstänze, Spinnstubenlieder und Mundartgedichte abwechselten. Die Moderation übernahm stets der „Boy“, der für jeden Tanz die passende Ankündigung parat hatte.

1968 nahm die Gruppe bei der Einweihung der Fußgängerzone Seltersweg und ein Jahr später am Hessentag in Gießen teil. Es folgte eine Blütezeit mit Auftritten in der Region, jährlichen Festzug teilnahmen am Hessentag wie auch Reisen in die Lüneburger Heide oder nach Admont/Österreich.

Das 25-jährige Bestehen wurde „beim Philipp“ mit einem Heimatabend gefeiert. Es folgte jedoch nach dieser Feier ein sehr turbulentes Jahrzehnt für die Gruppe und bereits die geplante 35-Jahre-Feier 2002 kam aufgrund des Todes von Erich „Boy“ Faber nicht mehr zustande. Die Zukunft der Gruppe stand am Scheideweg.

Von Auflösung war gar nach über 300 Auftritten und 30 Teilnahmen an Hessentagen die Rede, doch die bevorstehende 1200-Jahr-Feier Leihgesterns 2005 gab den notwendigen (Über-)Lebensmut.

Nach einjähriger Bühnenabstinenz trat die Gruppe 2003 beim140-jährigen Bestehen des Gesangvereins Liederkranz unter ihrem neuen Leiter Hans Jochem Schmitt auf. Schmitt war es gelungen, einstige Tanzpaare wieder für ein Mitwirken zu begeistern. Für die musikalische Begleitung der Gruppe zeichnen Karin Schmidt und Gabi Trinklein verantwortlich und die beliebten Mundartverse wurden durch fast alle Tanzpaare vorgetragen.

Am 2. Juli 2007 wurde dann gar ein eigenständiger Verein ins Leben gerufen, der die Tanz und Trachtenpflege neu belebte. Gründungsvorsitzender wurde Wilfried Opper, Tanzleiter Hans Jochem Schmitt. In der Satzung ist festgeschrieben, dass der Verein den Namen „Oberhessische Volkstanz- und Trachtengruppe Leihgestern“ führt.

Schlicht überaltert

Waren es bei der Gründung 17, zwischenzeitlich 33, so sind es aktuell 18 Mitglieder,die dem Verein angehören. Das 90-jährige Bestehen wurde 2012 mit der Ausrichtung des „Tag der Tracht“ gefeiert.

Bereits beim 100-jährigen Jubiläum wie auch in der letzten Jahreshauptversammlung war man sich selbst bewusst, dass die Gruppe inzwischen schlicht überaltert ist. Etliche Tänzerinnen und Tänzer sind gesundheitlich beeinträchtigt und konnten nicht mehr am Übungsbetrieb und an Auftritten teilnehmen. Ein jüngerer Unterbau ist, trotz aller Bemühungen, nicht zustande gekommen.

Corona lieferte letztlich den „Sargnagel“, wobei vorrangig das 100-jährige noch einmal alle zusammenführte, es anschließend aber lediglich noch einen Verein, aber keine aktive Tanzgruppe mehr gab.

Auch fanden sich in den folgenden Jahreshauptversammlungen nach dem Tod des Vorsitzenden Wilfried Opper 2023 keine Mitglieder mehr dazu bereit, ein Vorstandsamt zu übernehmen, weshalb Rödl als einstiger stellvertretender Vorsitzender in diesem Amt bis zuletzt die Geschäfte führte.

Vor diesem Hintergrund war der nun vollzogene Beschluss absehbar. Nach dem klaren Mitgliedervotum sind jetzt noch Gespräche mit dem Finanzamt zu führen – und ein traditionsreicher und weithin bekannter Verein ist dann nur noch Geschichte.

THOMAS WISSNER